
Geschichte des Elektroautos: Wann wurde das erste E-Auto gebaut?
Wussten Sie, dass das erste Elektroauto schon über 50 Jahre vor dem ersten Benziner fuhr? Die Geschichte der Elektromobilität reicht bis in die 1830er Jahre zurück – lange bevor Carl Benz 1886 seinen berühmten Patent-Motorwagen vorstellte. Elektroautos sind also keine moderne Erfindung, sondern erlebten bereits um 1900 ihre erste Blütezeit.
Schnell-Überblick: Das erste Elektrofahrzeug wurde zwischen 1832 und 1839 vom Schotten Robert Anderson gebaut. Das erste vierrädrige Elektroauto war der Flocken Elektrowagen von 1888 aus Coburg. Im Jahr 1899 durchbrach ein Elektroauto als erstes Straßenfahrzeug die 100-km/h-Marke. Um 1900 waren fast 40% aller Autos in den USA elektrisch angetrieben!
1. Die Anfänge: Robert Anderson und das erste Elektrofahrzeug
Historische Einordnung
Die Grundlagen für die Elektromobilität legte Michael Faraday bereits 1821 mit seinen Versuchen zum Elektromagnetismus. 1834 erfand Thomas Davenport den ersten Gleichstrommotor.
Der schottische Erfinder Robert Anderson aus Aberdeen gilt als Pionier der Elektromobilität. Zwischen 1832 und 1839 baute er das erste bekannte Elektrofahrzeug – eine elektrische Kutsche, die er bereits 1835 auf einer Industrieausstellung präsentierte.
Andersons Gefährt erreichte eine Geschwindigkeit von etwa 12 km/h. Die Lenkung war zwar schwerfällig, aber der Antrieb arbeitete nahezu geräuschlos – wie bei einem modernen Tesla. Anderson verwendete für sein Fahrzeug eine Einwegbatterie, die nicht wiederaufladbar war. Dies war einer der Hauptgründe, warum sich die Technologie zunächst nicht durchsetzen konnte.
Ein entscheidender Durchbruch kam 1859, als der französische Wissenschaftler Gaston Planté die wiederaufladbare Blei-Säure-Batterie erfand. Diese Technologie machte praktische Elektrofahrzeuge erst möglich und ist in modifizierter Form noch heute in Starterbatterien zu finden.
1881 präsentierte der Franzose Gustave Trouvé sein „Trouvé Tricycle" – ein dreirädriges Elektrofahrzeug mit zwei Motoren, das durch Paris fuhr. Es erreichte 12 km/h und hatte eine Reichweite von etwa 14-16 Kilometern. Praktischerweise konnte es auch ohne Strom mit einem Pedalantrieb weitergefahren werden.
2. Der Flocken Elektrowagen 1888 – Das erste deutsche E-Auto
Made in Germany – Made in Coburg
Der Flocken Elektrowagen gilt als das erste vierrädrige Elektroauto der Welt und wurde in Coburg gebaut – zwei Jahre nach Carl Benz' Motorwagen, aber fünf Jahre vor dessen erstem Vierrad-Auto!
Andreas Flocken (1845-1913) war ein Coburger Unternehmer und Erfinder, der 1888 seiner Maschinenfabrik eine Abteilung für Elektrotechnik angliederte. Im selben Jahr entstand der Flocken Elektrowagen – eine umgebaute Kutsche (sogenannte „Chaise"), die mit einem Elektromotor versehen wurde.
Technische Daten des Flocken Elektrowagens 1888
Die Coburger Zeitung berichtete am 28. September 1888 über Flockens Erfindung: „In der Werkstätte für landwirtschaftliche Maschinen des Herrn Flocken hier steht eine ‚Dampf-Chaise' in Arbeit." Interessanterweise wurden damals alle Kraftwagen unabhängig von der Antriebsart als „Dampf-Chaisen" bezeichnet.
Besonders bemerkenswert: Flocken war auch ein Pionier der erneuerbaren Energien. Er lud die Bleiakkumulatoren seines Elektrowagens mit Strom aus seiner Wasserkraftanlage – der städtischen Schleifmühle, deren Mitpächter er war. Somit war der Flocken Elektrowagen nicht nur das erste deutsche E-Auto, sondern wurde auch nachhaltig mit regenerativer Energie betrieben!
Innovative Achsschenkellenkung
Flocken verwendete bereits die Achsschenkellenkung – eine Technologie, an die sich Carl Benz bei seinen Fahrzeugen von 1886 und 1888 noch nicht herangewagt hatte. Deshalb fuhren Benz' Wagen auf drei Rädern, während Flocken schon ein vollwertiges Vierrad-Auto baute.
Das Original des Flocken Elektrowagens gilt heute als verschollen. 2010 wurde eine Rekonstruktion angefertigt, und im Oktober 2025 wurde ein weiterer originalgetreuer Nachbau auf der Veste Coburg präsentiert. Ab Frühjahr 2026 ist eine Sonderausstellung geplant.
3. La Jamais Contente: Erstes Auto über 100 km/h
Historischer Rekord
Am 29. April 1899 durchbrach ein Elektroauto als erstes Straßenfahrzeug der Welt die magische Grenze von 100 km/h – nicht etwa ein Benziner!
Der belgische Ingenieur und Rennfahrer Camille Jenatzy stellte am 29. April 1899 in Achères bei Paris einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord auf. Mit seinem torpedoförmigen Elektroauto „La Jamais Contente" (französisch: „Die nie Zufriedene") erreichte er genau 105,882 km/h.
Die La Jamais Contente war ein technisches Meisterwerk ihrer Zeit. Die blau-grau lackierte Karosserie war aus Partinium gefertigt – einer leichten Legierung aus Aluminium, Wolfram und Magnesium. Die torpedoförmige Bauweise war eine der ersten, die nach aerodynamischen Gesichtspunkten entwickelt wurde.
Technische Daten La Jamais Contente
Jenatzys Rekord hielt drei Jahre, bis er am 13. April 1902 von Léon Serpollet mit einem Dampfwagen gebrochen wurde (120,80 km/h). Serpollet war damit der erste Fahrer eines nicht-elektrischen Fahrzeugs, der den Landgeschwindigkeitsrekord hielt.
Eine Replik der La Jamais Contente ist heute im Musée national de la Voiture in Compiègne, Frankreich, zu besichtigen. Der historische Rekord beweist: Elektroautos waren von Anfang an leistungsfähige Fahrzeuge mit enormem Potenzial.
4. Die Blütezeit der Elektroautos (1890-1910)
Elektroautos dominierten die Straßen
Um 1900 waren in den USA etwa 38% aller Fahrzeuge elektrisch angetrieben, nur 22% fuhren mit Benzin – der Rest mit Dampf!
Die Zeit zwischen 1890 und 1910 war die erste große Blütezeit der Elektromobilität. In dieser Phase waren Elektroautos den Verbrennern in vielen Bereichen überlegen: Sie waren sauberer, leiser, einfacher zu bedienen und benötigten weniger Wartung.
Ein wichtiger Vorteil: Elektroautos mussten nicht mühsam angekurbelt werden wie Benziner. Bei Verbrennungsmotoren war das Starten mit einer Handkurbel anstrengend und sogar gefährlich – zurückschlagende Kurbeln führten oft zu Verletzungen. Beim Elektroauto hieß es einfach: einsteigen und losfahren.
Besonders in städtischen Gebieten waren Elektroautos beliebt. Sie stießen keine unangenehmen Abgase aus und waren viel leiser als die lauten, vibrierenden Verbrenner. In Städten wie New York, Paris und London fuhren zahlreiche Elektro-Taxis.
Berühmte frühe Elektroauto-Nutzer
- • Kaiser Wilhelm II. – fuhr einen Mercédès-Électrique (präsentiert 1907)
- • Thomas Edison – arbeitete an verbesserten Batterien für E-Autos
- • Baron Nathan Rothschild – besaß einen Lohner-Porsche
- • Wiener Feuerwehr – betrieb 40 Lohner-Porsche-Fahrzeuge
1897 starteten in London die „Bersey-Taxis" – der erste elektrische Taxi-Dienst der Welt. Er bewies die Machbarkeit von Elektrofahrzeugen im Stadtverkehr. Auch in Berlin und anderen deutschen Städten fuhren Elektro-Taxis durch die Straßen.
5. Ferdinand Porsche und das erste Hybridauto
Porsche – Pionier der Elektromobilität
Bevor Ferdinand Porsche legendäre Sportwagen und den VW Käfer konstruierte, baute er Elektroautos und das erste Hybridfahrzeug der Welt!
Ferdinand Porsche (1875-1951) entwickelte ab 1896 bei der Wiener Hofwagenfabrik „Jacob Lohner & Co." einen revolutionären Radnabenmotor. Die Motoren saßen direkt in den Radnaben – ohne Getriebe oder Antriebswellen. Diese Technologie war ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus und wurde später sogar in den Mondautos der NASA verwendet!
Auf der Pariser Weltausstellung 1900 präsentierte Porsche den „Lohner-Porsche" – ein Elektrofahrzeug, das für große Aufmerksamkeit sorgte. Die Presse berichtete: „Die epochemachende Neuheit des Wagens besteht in der gänzlichen Beseitigung aller Zwischengetriebe."
Lohner-Porsche (1900)
- • 2 Radnabenmotoren (je 3-7 PS)
- • Höchstgeschwindigkeit: 50 km/h
- • Reichweite: ca. 50 km
- • Gewicht: 980 kg
La Toujours Contente (1900)
- • 4 Radnabenmotoren (je 14 PS)
- • Erstes Allrad-Auto der Welt
- • Elektro-Rennwagen
- • Name: „Die stets Zufriedene"
Ebenfalls 1900 entwickelte Porsche den „Semper Vivus" (lateinisch: „Immer lebendig") – das erste funktionsfähige Hybridauto der Welt. Er kombinierte seine batteriebetriebenen Radnabenmotoren mit zwei Daimler-Verbrennungsmotoren, die als Generatoren arbeiteten. Das Konzept entspricht dem heutigen „Range Extender"-Prinzip!
Die serienreife Version hieß „Mixte-Wagen" und kam 1901 auf den Markt. Insgesamt wurden etwa 300 Lohner-Porsche-Fahrzeuge gebaut. Sie kosteten zwischen 10.000 und 35.000 Österreichische Kronen – ein Vielfaches eines normalen Autos und nur für wohlhabende Käufer erschwinglich.
Porsches Innovationen von 1899-1902
- ✓ Radnabenmotor – Antrieb ohne Getriebe
- ✓ Erstes Allrad-Auto – La Toujours Contente
- ✓ Erstes Hybridauto – Semper Vivus
- ✓ Rekuperation – Bremsenergierückgewinnung
- ✓ Elektrischer Anlasser – für den Benzinmotor
6. Warum sich der Verbrenner durchsetzte
Die Wende ab 1910
Mehrere Faktoren führten dazu, dass Elektroautos ab etwa 1910 vom Markt verdrängt wurden und fast ein Jahrhundert ein Nischendasein fristeten.
Der Niedergang der frühen Elektromobilität hatte mehrere Ursachen:
1. Der elektrische Anlasser (1911)
Charles Kettering erfand den elektrischen Anlasser für Benzinmotoren. Damit entfiel das mühsame und gefährliche Ankurbeln – der größte Nachteil der Verbrenner war beseitigt.
2. Ford Model T und Massenproduktion (1908)
Henry Fords Fließbandproduktion machte Benzin-Autos erschwinglich. Ein Model T kostete nur einen Bruchteil eines Elektroautos und hatte eine viel größere Reichweite.
3. Günstiges Benzin und Tankstellen
Erdöl war reichlich vorhanden und billig. Ein flächendeckendes Tankstellennetz entstand, während Ladeinfrastruktur nur in wenigen Städten existierte.
4. Reichweite und Ladezeit
Elektroautos erreichten maximal 80-100 km, das Laden dauerte Stunden. Benziner konnten in Minuten tanken und Hunderte Kilometer fahren.
Ab etwa 1912 begann der kontinuierliche Rückgang. Die letzten großen Elektroauto-Hersteller dieser Ära stellten in den 1920er Jahren ihre Produktion ein. Für fast 80 Jahre verschwanden Elektroautos nahezu vollständig aus dem Straßenbild.
Vergleich: E-Auto vs. Ford Model T (um 1910)
| Kriterium | Elektroauto | Ford Model T |
|---|---|---|
| Preis | 10.000-35.000 Kronen | ~850 USD |
| Reichweite | 50-100 km | 250+ km |
| Tankzeit/Ladezeit | Mehrere Stunden | Wenige Minuten |
| Infrastruktur | Nur in Städten | Wachsendes Tankstellennetz |
7. Die Renaissance der Elektromobilität
Das Comeback der E-Autos
Erst ab den 1990er Jahren und verstärkt seit 2008 erleben Elektroautos ihre Renaissance – getrieben durch Umweltbewusstsein, neue Batterietechnologie und Visionäre wie Tesla.
Die Ölkrise der 1970er Jahre und wachsendes Umweltbewusstsein führten zu ersten Wiederbelebungsversuchen. In den 1990er Jahren schuf das California Air Resources Board (CARB) mit seinem Zero-Emission-Programm neue Impulse. Modelle wie der General Motors EV1 oder der Toyota RAV4 EV entstanden, blieben aber Nischenprodukte.
Meilensteine der Neuzeit
- 1997: Toyota Prius – erster Serien-Hybrid
- 2008: Tesla Roadster – erstes modernes Serien-E-Auto
- 2010: Nissan Leaf – erstes Massen-E-Auto
- 2013: BMW i3, VW e-up! – deutsche Hersteller steigen ein
- 2019: VW ID.3 – E-Auto für die Masse
Technologische Fortschritte
- Lithium-Ionen-Akkus: 5× höhere Energiedichte als Blei
- Reichweite: 400-700 km möglich
- Schnellladen: 80% in 20-30 Minuten
- Ladeinfrastruktur: Wachsendes Netz
- Kosten: Batteriepreise um 90% gesunken (seit 2010)
Der Tesla Roadster von 2008 war ein Wendepunkt: Erstmals bot ein Elektroauto eine Reichweite von über 350 km und war für den Alltag auf der Autobahn geeignet. Tesla bewies, dass Elektroautos schnell, sexy und begehrenswert sein können.
2013 feierte Deutschland das 125-jährige Jubiläum der Elektromobilität – in Erinnerung an den Flocken Elektrowagen von 1888. Seitdem haben alle großen Hersteller E-Modelle auf den Markt gebracht. Die Geschichte des Elektroautos hat also einen vollständigen Kreis geschlossen.
Fazit: Das Elektroauto ist keine neue Erfindung
Die Geschichte des Elektroautos beginnt über 50 Jahre vor dem ersten Benziner. Robert Andersons elektrische Kutsche von 1832-1839 war das erste Elektrofahrzeug, der Flocken Elektrowagen von 1888 das erste vierrädrige E-Auto. Um 1900 dominierten Elektroautos die Straßen – sie waren leiser, sauberer und einfacher zu bedienen als Benziner.
Der Verbrennungsmotor setzte sich nur durch, weil Benzin billiger war, Tankstellen schneller gebaut wurden und der elektrische Anlasser 1911 das lästige Ankurbeln überflüssig machte. Heute erleben wir die Renaissance einer Technologie, die bereits vor über 190 Jahren erfunden wurde – nur mit viel besseren Batterien!
Das nächste Mal, wenn jemand sagt, Elektroautos seien „unerprobte Technik": Erinnern Sie ihn daran, dass E-Autos schon 1899 über 105 km/h fuhren – schneller als jedes andere Fahrzeug der Welt!
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